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Die Namen Gottes

Aus der Einleitung zum Buch "Sri Brahma-samhita – Die Hymne des Schöpfers"

Srila Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura (1874 – 1937), spiritueller Meister von A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, dem Gründer der ISKCON

Mit einer materialistischen Einstellung kann man sich trotz aller Bemühungen unmöglich dem transzendentalen Autokraten nähern, der ewiglich die gefallenen bedingten Seelen dazu einlädt, sich durch Hingabe, d.h. in einer ewig dienenden Haltung, Seiner Gegenwart zu erfreuen. Die Attraktionen der Erscheinungswelt verführen fühlende Wesen oftmals dazu, die Mannigfaltigkeit in ihr genießen zu wollen, die im Gegensatz zum undifferenzierten Monismus steht. Die Neigung der Menschen, vorübergehenden mentalen Spekulationen nachzuhängen, ist stark ausgeprägt – auch wenn es darum geht, sich über einen Sachverhalt zu unterrichten, der jenseits des empirischen Bereichs oder ihrer Erfahrungen liegt. Der esotherische Aspekt veranlasst sie oftmals dazu, das Immanente in ihrer aüßerlichen Inspizierung vergänglicher und wandelbarer Dinge zu suchen. Dieser Impuls bewegt sie schließlich dazu, das Immanante als eine unbestimmte, unpersönliche Wesenheit zu definieren, von der sich kein Schimmer entdecken lässt, selbst wenn man mithilfe seiner Sinnesorgane Himmel und Erde in Bewegung setzen würde. 

 

Die Zeilen dieses Buches werden solch verwirrten Seelen auf ihrem Weg zur Persönlichkeit des Immanenten, die jenseits ihres sinnlichen Wahrnehmungsvermögens liegt, sicherlich helfen. Bereits die erste Strophe dieses Werkes wird ihre voreingenommene Konzeption revolutionieren, sobald ihnen nämlich die Bezeichnung des Absoluten als "Krishna" präsentiert wird. Ihr spekulatives Gemüt würde natürlich eher dazu neigen, einen anderen eigenschaftsbedingten Namen zur Bezeichnung des unbekannten Objekts vorzuschlagen. Sie werden es vorziehen, Ihn aufgrund ihrer Erfahrung als "Schöpfer des Universums" oder das "Wesen jenseits aller Phänomene" zu betiteln, das weit entfernt ist von jedem Bezug auf irgendein Objekt der Natur und keinerlei Wandlung unterliegt. Sie werden darauf drängen, dass die ursprüngliche Quelle keine konkrete Bezeichnung erhalten solle, es sei denn eine, die auf ein unsichtbares, unhörbares, unberührbares, geruchloses und unerkennbares Etwas weist. Trotzdem werden sie sich nicht davon abhalten lassen, mithilfe ihres dürftigen Erfahrungsschatzes über dieses Etwas Betrachtungen anzustellen.

 

Der ernsthafte Sucher wird in der Regel das Studium der Werke anerkannter Gelehrter bevorzugen, anstatt sich mit inkompatiblen, unbeholfen dargestellten Fantasievorstellungen zu beschäftigen. Wenn ein urteilender Mensch die verschiedenen Namen vergleicht, die von den unterschiedlichen Denkrichtungen der Menschheit präsentiert werden, wird er sich für eine Namensgebung entscheiden, die seinen begrentzten spezifischen Wünschen am meisten entgegenkommt. Die sklavische Denkweise eines solchen Individuums wird in Behauptungen resultieren, die dann vom anderen Teil der Menscheit zweifelsohne als Kränkung empfunden werden, und man wird ihn auffordern, seine Entscheidung zu begründen.

 

Um aus dieser verfahrenen Situation einen Ausweg zu finden, würden die Hymnen des anerkannten Schöpfers aller Phänomene eine große Hilfe in der Frage der Nomenklatur darstellen. Sie bieten einen Namen an, der ausreichende Kraft besitzt, um alle Einbildungen zu vertreiben, welche die Menschen sich durch ihre klägliche Ausbeute aus ihrer Erfahrung mit den Phänomenen dieser Welt zurechtlegen. …

 

Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura

Kalkutta, 1932

 

 

[L] His Divine Grace Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakura: Sri Brahma-samhita – Die Hymne des Schöpfers, The Bhaktivedanta Book Trust, 2010